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Jenseits der Passform -

Unverzagts Reise in die Zeit 

 

In dem alten Bauernhaus ihrer Großeltern, in dem vieles erhalten ist, was anderswo die Zeit nicht überdauert hätte, fand Mia Unverzagt erste künstlerische Inspirationen. In diesem ländlichen Umfeld begann die Künstlerin über Traditionen nachzudenken, altbekannte Gesellschaftsstrukturen und Identitätsbilder aufzuzeigen und deren Gültigkeit für die Gegenwart zu hinterfragen.

Unverzagt untersucht in selbstkritischem Umgang mit den eigenen Ursprüngen überlieferte Rollenvorstellungen und Geschlechterbilder. Ausgehend von ihrem persönlichen Hintergrund und ihrer eigenen Familiengeschichte studiert sie soziale Verknüpfungen, verweist auf gewohnte gesellschaftliche Normen und zeigt Tabu-Themen unserer Gesellschaft: Alter, Zerfall und Unvollkommenheit färbt sie mit Humor und Ironie.

 

Als bevorzugte Motive dienen der Künstlerin dabei Objekte, die eigentlich ausgedient haben. Ihren „Flaggen“, wie Unverzagt die Reihe der Fotografien von Putz- und Staubtüchern liebevoll nennt, ist der lange und intensive Gebrauch deutlich anzusehen. Sie manifestieren die bürgerlichen Werte von Sauberkeit und Ordnung, die die Künstlerin gerne auf die Schippe nimmt: Ausgelegt auf einer sauberen Resopal-Tischplatte, gibt Mia Unverzagt diesen Putzlappen, die zuvor noch gefaltet und gebügelt sicher in einer Schublade verschwunden waren, nun ihren großen Auftritt.

 

Unverzagt konfrontiert den Betrachter mit Dingen, die im gutbürgerlichen Alltag gewöhnlich nicht gerne gesehen werden. Dieser ungeschönte Blick hinter die Fassade, der Fokus auf das, was darunter liegt, ist stets Mittelpunkt ihres  sozialkritischen Werkes. Dabei scheut sie sich nicht, das Raue und Hässliche aufzuzeigen. Die Unvollständigkeit der Bilderreihe, die Löcher und Flecken der Flaggen und das farbliche Durcheinander, alles weist auf Fehlerhaftigkeit und Imperfektion hin.

 

Auch bei der Kleidung, die Unverzagt gerne zum Gegenstand ihrer Untersuchungen macht, konzentriert sie sich auf das „Darunter“ - die Unterwäsche. Kleidung als Medium in der Kunst ist für die Untersuchung der Gültigkeit überkommener Traditionen und Identitätskonzepte besonders dienlich. Als Verweissystem kennzeichnet sie nicht allein den Körper des Menschen, sondern erfüllt, vielfach kodiert, auch zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Funktionen. Sie unterstreicht die Identitätsvorstellungen ihres Trägers und gibt ihm psychische und soziale Individualität. Gebrauchte Kleidung kann, Spolien oder Reliquien ähnlich, zum Relikt überkommener Werte, Traditionen, Gebräuche und Moden werden. Ihr Stil, ihr Geruch, ihre Falten und andere Gebrauchsspuren bleiben stets „Identitätsspeicher“ und dienen als Spur zu einem abwesenden Menschen.

 

Die Kleider, die Unverzagt z.B. auf alten Dachböden auffindet, haben alle eine persönliche Geschichte, die nun erstmals zur Schau gestellt wird. Indem sie das, was eigentlich „darunter“ liegt an die Oberfläche holt und diesem erneute Nutzungsmöglichkeiten zuordnet, zeigt sie nicht nur überlieferte gesellschaftliche Strukturen und Traditionen auf, sondern experimentiert gleichzeitig mit neuen Wegen der Verwendung in der Gegenwart.

 

In Ihrer Arbeit „Hüllen“ zeigt Unverzagt den Körper eines jungen Mannes in einem

alten, abgenutzten und verschlissenen Feinrippunterhemd. Doch nicht der Träger ist der eigentliche Protagonist und Mittelpunkt des Bildes, denn bis auf seine Hautfarbe verraten die Fotos nicht viel über ihn. Sein Gesicht, das genaueren Aufschluss über Alter, Charakter und Gemütszustand geben könnte, bleibt völlig verborgen. Stattdessen konzentriert Unverzagt den Blick auf das, was für gewöhnlich verborgen ist, auf seine zweite Haut, ein weißes Unterhemd. Dieses traditionelle Kleidungsstück, das wohl jeden Mann der Kriegs- und Nachkriegszeit alltäglich begleitet hat, steht sinnbildlich für die Werte einer Generation, die harte körperliche Arbeit geleistet hat. Ihr Träger hat auf ihm in langen Jahren des Gebrauchs deutliche Spuren hinterlassen. Die entstandenen Löcher sind mit Handarbeit in weißem Garn säuberlich gestopft worden. Doch trotz sorgsamer Flick-Arbeit reißen die Löcher immer weiter auf und bilden gar Laufmaschen, die zur endgültigen Auflösung beitragen. Trotz aller Bemühungen kann die alte Struktur keinen dauerhaften Rahmen mehr bieten.

 

Die Vergänglichkeit alter Strukturen, in Unverzagts Werk allgegenwärtig, ist in ihrem Umgang mit gestrickter Kleidung besonders eindringlich. Textile Stoffe sind äußerst dankbare Materialien, die sich leicht formen und verändern lassen und sich den Dingen, die sie umgeben, besonders gut anpassen. Kaum ein anderes Material speichert Informationen -­ in Form von auf ihm verbliebenen Gerüchen, Falten und Ausbeulungen - so gut wie dieses. Aufgrund seiner materiellen Eigenschaften, seiner Herstellungsweise und seiner sinnlichen Besetzung, gilt es seit jeher auch als besonders „weibliches“ Material. Von Frauen hergestellt und von Generation zu Generation weitervererbt, sind gestrickte Kleidungsstücke somit ein ideales Medium zur Thematisierung von Tradition und Dokumentation von Zeit.

 

Handgestrickte Unterhemden wurden früher gewöhnlich schon seit dem Kindesalter von der Mutter mit auf den Weg gegeben und dienten in rauen Wintern als wärmende zweite Haut. Heute trägt in unserer Gesellschaft kaum noch jemand diese veralteten Kleidungsstücke. Den Vorstellungen des „modernen“ Menschen nicht mehr entsprechend, haben sie ausgedient und fallen dem Reißwolf zum Opfer - oder schlummern auf den Dachböden alter Bauernhäuser.

 

Eine aktuelle Fotoserie zeigt die  Großmutter der Künstlerin, gekleidet in eines dieser handgestrickten Baumwollunterhemden. Die Spuren des langjährigen Gebrauchs sind deutlich sichtbar: an den Armen ausgeleiert und insgesamt viel zu lang, passt das wärmende Kleidungsstück nicht wirklich an den zierlichen Körper der Frau. An mehreren Stellen gestopft, hat es eigentlich ausgedient. Doch zeigt Unverzagt in diesen Bildern eine harmonische Symbiose zwischen Kleidungsstück und Trägerin Erhaben über kleine Fehler, trägt die Großmutter das Unterhemd fast wie ein Gewand. Geschmückt mit Ehe- und Siegelring, als Zeichen ihres gesellschaftlichen Status, ist die Großmutter würdevolle Vertreterin ihrer Zeit.

 

Einen völlig anderen Umgang zeigt eine Serie von Selbstportraits der Künstlerin in einem ehemals von der Mutter getragenen Leibchen. An allen Seiten viel zu klein, zwängt sie sich eher erfolglos in das vererbte Kleidungsstück. Da die Versuche, dem eigenen Körper damit eine angemessene Begrenzung zu bieten, scheitern, entschließt sie sich in letzter Konsequenz, das einzwängende Gewand zu zerschneiden und die Stücke der Kleidung gemeinsam mit den Fotografien als Relikt vergangener Zeit hinter Glas zu rahmen. Die Frage, wie mittels der Kleidung überkommene Traditionsstränge wieder aufgenommen, weitergeführt oder auch verändert werden und somit Strukturen für das eigene „Ich“ gefunden werden können, ist in Unverzagts Werk allgegenwärtig.

 

In unserer so genannten Postmoderne ist im Zuge der „Posthuman“-Debatte das Konzept des „Ich“ wieder zweifelhaft geworden. Bei der Suche nach einem fassbaren Ort der Identität wurde die Kleidung durch ihre Nähe zum Körper zu einem der wichtigsten Medien in der Kunst.

 

In Unverzagts Werk bietet die Kleidung keine eindeutige körperliche wie geistige Umgrenzung mehr. Sie ist weder Garant für die Gültigkeit überlieferter Traditionen noch für klare Identitätskonzepte. Gewohnte Normen und Modelle bieten nur eingeschränkte „Passform“. Kleidung ist zur durchlässigen Membran geworden, zur Schnittstelle und Kommunikationszone zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

 

Indem sie vorgefundene und vererbte Objekte in ihrer Fragmentierung und Auflösung dokumentiert, unterwandert Unverzagt tradierte Rollenklischees und Geschlechterkonzepte. Mit zahlreichen Fehlern und Lücken behaftet, umgeht ihr Werk damit bewusst die Perfektion.

 

Dr. Cora von Pape