Zum Hauptmenu  Zur Unternavigation  Zum Inhalt

Sie befinden sich:

 Startseite > Texte > Sebastian Neusser - Archäologie des Alltäglichen

Unternavigation

News

Inhalt

Archäologie des Alltäglichen

Mia Unverzagts künstlerische Arbeit erforscht die vordergründig belanglosen Dinge des Alltags. Angetrieben wird sie dabei nicht von einem formalen Interesse an Oberfläche, Farbe oder Materialqualität, sondern von ihrer Suche nach strukturellen Wechselbeziehungen zwischen Objekt, Nutzung und kulturellem Umfeld. Ein gesichtsloser Gegenstand wandelt sich im Laufe der Nutzung vom charakterlosen Massenprodukt zum unverkennbaren Einzelstück, sodass eine Analyse der Objektspuren wertvolle Einblicke in die zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen verspricht.

 

 

Erzählen nicht Gebrauchsspuren weit mehr über die Geschichte einer Nutzung als das Abbild des Nutzers selbst? Ein Stuhl ist funktionales Möbel, gefällt oder nicht, funktioniert entweder einwandfrei oder ist defekt. Ebenso wie Menschen durch Erfahrungen geprägt sind, weisen Objekte Spuren des Gebrauchs auf, die Aufschluss über ihre Objektgeschichte geben. So ist ein Stuhl nicht nur durch Materialeigenschaften und Verarbeitung, sondern auch durch klimatische Bedingungen, individuelle Nutzung und die Intensität der Pflege geprägt. Unverzagt bricht bewusst mit tradierten Positionen der Kunstgeschichte, misstraut dem Versprechen des authentischen Abbildes und sucht die Objektivität des Objektes.

Die philosophische Missachtung der Objektwelt wurzelt in einem dualistisch geprägten Weltbild, das dogmatisch zwischen Subjekt auf der einen und Objekt auf der anderen Seite trennt. So unterschied René Descartes zwischen res extensa, dem materiell ausgedehnten Körper, und res cogitans, dem nicht ausgedehnten Bewusstsein und vertiefte die erkenntnistheoretische Kluft zwischen der philosophischen Betrachtung von Geist und Körper. Geist als objektloser Gegenstand bot von jeher Anreiz zur metaphysischen Spekulation, wohingegen der Körper in seiner scheinbaren Bestimmtheit erst in jüngerer Zeit stärkere Beachtung findet. Der gegenständliche Körper aber wird weiterhin aufgrund geometrischer und physikalischer Messbarkeit vom wissenschaftlichen Diskurs vernachlässigt. An dieser Stelle wollen wir versuchen, die enge Verbindung zwischen einem Objekt, seiner Nutzung und den Nutzenden in den Vordergrund zu stellen. Hierzu müssen wir unsere egozentrische Eitelkeit zurückdrängen und den Gegenständen die Aufmerksamkeit schenken, um anschließend, mit Hilfe der objektiven Spuren, Erkenntnisse über die Nutzenden selbst zu ziehen. Diese Methode gleicht der kriminologischen Spurensicherung, die Vergangenes mit objektiver Belegbarkeit rekonstruiert.

Der Mensch wächst an positiven und negativen Lebenserfahrungen und nicht zuletzt biografische Ecken und Kanten verleihen ihm charakteristische Einzigartigkeit. Beschrittene Abwege, Krankheit und persönliche Krise mögen im Moment des Durchlebens unerträglich erscheinen, doch manchmal zeigt sich rückblickend die Gewissheit der eigenen Stärke. In vergleichbarer Weise sammeln menschliche Körper Erfahrungen und sind mit zunehmendem Alter durch Spuren des Lebens gezeichnet, die es aufzuhalten, zu reduzieren oder zumindest zu verdecken gilt. Geboren wird der Mensch, einer Idealvorstellung folgend, mit einem makellosen Körper, der wächst, sich entwickelt und gedeiht, doch bereits mit der Trennung von der Nabelschnur beginnt die Vernarbung. Absichtliche Markierung, wie zum Beispiel der burschenschaftliche Schmiss, tragen Erfahrung und Gruppenzugehörigkeit nach Außen.

Auch die leblosen Objekte des Alltags begleiten das Leben und werden durch ihre Gebrauchsspuren zu verlässlichen Zeugen des Alterns. Untersucht man diese Spuren von einem ökonomischen Standpunkt aus, so lässt sich das im Verschleiß verborgene, sozioanalytische Potenzial erkennen.[1] Eine durch sachgemäßen Gebrauch entstandene Abnutzung verspricht wenig relevante Erkenntnis, doch Spuren andersartiger Nutzung artikulieren individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse und geben objektiven Aufschluss über das tatsächliche Nutzerverhalten. Betrachten wir einen Stuhl, dessen Hinterbeine angebrochen sind, so würde ein Händler diesen Schaden höchstwahrscheinlich auf die unsachgemäße Nutzung des Wippens auf den hinteren Stuhlbeinen zurückführen. Müsste nicht aus dieser Schadensanalyse eher die Frage resultieren, ob nicht zukünftig Stühle produziert werden sollten, die durch verstärkte Hinterbeine ausgiebiges Wippen ermöglichen? Unverzagt kümmert sich aber nicht um diese marktorientierten Überlegungen, sondern setzt die Spuren des Gebrauchs in Beziehung zu den sie verursachenden, gesellschaftlichen Strukturen. Wie können wir Spuren bewerten, aktivieren, transformieren und nutzen und welche Bedeutung haben Nutzungsspuren für unsere Erinnerung?

Nur mit Unbehagen arrangieren sich vor allem westliche Industriekulturen mit den Spuren des Gebrauchs. Zufrieden wird der schimmernde Glanz eines jungfräulichen Objektes bewundert, das frei von vorheriger Fremdnutzung ist. Woher stammt diese Faszination für das Unbeschriebene? Belebte Räume und gebrauchte Objekte transportieren Erinnerungen und koppeln das Jetzt an ein bedeutungstragendes Zuvor. Erinnerung und aufgewühlte Emotion begleitet die Rückkehr an Orte der Kindheit, die aus aktuellen Lebenszusammenhängen reißen und unfreiwillig an überkommene Strukturen binden. Dieses Phänomen existiert in seiner negativen Form, genauso wie es sich im positiven Sinne an liebgewordenen Erinnerungsstücken zeigt, die eine Brücke in die Vergangenheit bauen.

Schluss mit Lebeschön verbildlicht die erdrückende Macht eines Erinnerungs-Raumes, der die Akteure den gegebenen Strukturen unterwirft. Kläglich scheitert der Versuch, sich im emotional überladenen Umfeld zu positionieren. Nackte Füße versuchen sich verkrampft vom Raumboden zu lösen, der sie mit haftender Erinnerung zurückhält. Leise flüstern die leblosen Objekte den Individuen ein So lange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst… zu und leugnen stur ihre objektive Seelenlosigkeit. Erinnerungs-Räume sind hybride Verbindungen verschiedener Sinneseindrücke im Moment räumlicher Wahrnehmung. Beträten mehrere Personen nacheinander einen identischen Raum und sollten anschließend die erlebten Gegebenheiten beschreiben, so blieben zweifelsohne übereinstimmende Konstanten, doch wahrscheinlich würden sich auch unvermittelbare Differenzen offenbaren. Mit Solar erweitert Unverzagt die räumliche Wahrnehmung um den entscheidenden Aspekt der inneren Sinneswahrnehmung. Räumliches Erleben ist die Verbindung von weitgehend objektiver Raumwahrnehmung und der subjektiven Aufladung des Ortes. Dieser Moment individueller Raumwahrnehmung materialisiert sich bei dieser Arbeit schemenhaft als Umriss eines Kleides vor dem Hintergrund des fotografierten Raumes. Der Erlebnis-Raum negiert die Vorstellung des authentischen Abbildes.

 

Formal handelt es sich bei der Arbeit Flaggen um herkömmliche Flaggen aus Stoff, doch die künstlerischen Eingriffe, sowohl inhaltlicher als auch materieller Natur, führen das System nationaler Identitätsabgrenzung ad absurdum. Kritisch-ironisch werden die Mittel politischer Machtbekundung hinterfragt, indem nicht nationale Insignien auf knitterfreiem Qualitätsstoff, sondern Fotografien abgenutzter Haushaltstücher auf gewebte Baumwolle gedruckt werden. Das Putztuch als Symbol häuslicher, traditionell meist weiblicher Arbeit, bildet ein Gegengewicht zu den Nationalfarben der meist männlich dominierten Nationalstaaten. Flaggen werden feierlich gehisst, wohingegen mit dem Haushaltstuch der schmutzige Boden gesäubert wird, den die Flagge noch nicht einmal im sauberen Zustand berühren darf. Unverzagt agiert frei im Sinne des Projektes Flagge zeigen (1994), bei dem 38 Künstler / innen mit Plakatarbeiten für Demokratie und gegen Verdrängung eintraten. Diese inhaltliche Infragestellung kollektiver Identitätsstiftung wird formal durch eine mediale Verunsicherung gestützt: Ein herkömmliches Haushaltstuch aus Baumwolle wird fotografiert und erfährt anschließend seine Re-Medialisierung auf Stoff, sodass der Blick zwischen den Falten des fotografierten Tuchs und den Falten des bedruckten Stoffes hin und her springt. 

 

Unverzagts Fotoarbeiten verwischen die mediale Trennung zwischen fotografiertem und körperlichem Objekt, indem der glatten Fläche des Fotopapiers neue Struktur gegeben wird. Ihre Hüllen zeigen klassische Feinripp-Ware, die mehrere Unterwäsche-Generationen prägte. Spuren des Gebrauchs finden sich in den Löchern, die gleichzeitig Leerstelle und Körperabdruck darstellen. Betont werden die Zeichen der Zeit durch gestopfte Reparaturen die einerseits den Materialschwund kaschieren, ihn aber andererseits durch eine neue Textur hervorheben. Für Mia Unverzagts Archäologie sind die Flicken, Löcher, Reparaturen und Ergänzungen des Alltäglichen nicht materieller Verlust, sondern Zeugnis der menschlichen Kreativität, die auf dem Nährboden materiellen Mangels zur Entfaltung kommt.

 

Sebastian Neußer

 

 

 


[1] Vgl. Toshihiti Chi, Immanuel; Stotz, Oliver: Spuren des Gebrauchs in: Kunstforum Bd. 130. 1995, S. 213 – 214.