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Eine Deutsche in Havanna

Für uns Kubaner und Kubanerinnen sind Nachdenken und Reflektieren nicht das gleiche wie für eine Deutsche. Genauso wenig wie für jemanden aus Asien oder Afrika - auch wenn dies für manche eine Binsenweisheit sein mag. In Kuba an eine besondere Materie heranzugehen - welcher Wissenszweig auch betroffen sein sollte - bedeutet, dass über die Annäherung hinaus die Sache mit Anekdoten und Kommentaren, mit ihren Konnotationen und möglichen Bedeutungen eingekreist wird, über Vorgänger und mögliche Nachfolger diskutiert wird, über ähnliche Bedeutungen und mit der dazugehörigen Portion Humor spekuliert wird.

Den Kern einer Sache gehen wir selten direkt an, d.h. es fällt uns schwer, uns klar, präzise und diszipliniert auszudrücken. Das englische „the point is...“ ist für uns schwer einzuhalten.

So etwas gibt es im kubanischen Sprachgebrauch nicht, da wir von Haus aus spanischsprachig sind und die oben beschriebene Geradlinigkeit eher bei denjenigen zu finden ist, die in anderen Teilen der Welt erzogen worden sind, wo die erkenntnistheoretischen Fundamente viel stärker auf Vernunft und Methodik beruhen. Wir hier leben immer noch stärker unter dem Regime unserer Leidenschaften und Gefühle – wenn auch die Ratio sich immer mehr durchsetzt.

Dies alles schreibe ich, weil die junge deutsche Künstlerin Mia Unverzagt anlässlich ihrer Aufenthalte in Kuba beide Haltungen – Leidenschaft und Vernunft - in ihren Performances und Werken zusammenbringt. Immer wieder weilte sie in den letzen Jahren auf Einladung der Kunsthochschule Havanna und der Ludwigstiftung Kuba hier bei uns in Havanna und die dabei entstandenen Zeichnungen, Performances, Fotos und Installationen sind inzwischen als Kataloge veröffentlicht worden.

Es ist ihr gelungen, die soziale und psychologische Atmosphäre in der wir zurzeit leben einzufangen, diese Atmosphäre voller Wechselfälle und Blendungen in unserem Alltagsleben; sie hat teilgehabt an unseren Freuden und Frustrationen, Illusionen und Enttäuschungen – als Mitglied unserer Familien, Häuser und Viertel – was gleichsam ein wirksames Antidot ist gegen jegliches oberflächliches Herangehen an unsere Realität, welche von Ausländern so gerne missbraucht wird, um in wenigen Stunden oder Tagen unsere komplexe Existenz abzuhandeln. Sie hielt sich nicht an der Oberfläche der Musik, der Afrokubanismen, dem Mojito, den Zigarren und dem milden Klima auf, die oft genug als ausreichender „Rohstoff“ von vielen Künstlern erachtet werden, um sofort die Sympathien der Institutionen und der Sponsoren zu wecken (hier und im Ausland) um so ihre Projekte realisieren zu können.

Sie hat dagegen andere Fragmente unserer Realität gefunden, um ihre Ideen auszudrücken und ihre eigene kubanische Bilderwelt aufzubauen. Unter all den Möglichkeiten entschied sie sich für den Stuhl, dieses allgemein bekannte und unverzichtbare Objekt. Der kubanische Stuhl ist zweifelsohne eine Metapher für die Zeit in der wir leben- ein Symbol für das menschliche Durchhaltevermögen, dem Widerstand gegen das Vergessen. Der Stuhl ist bereits Teil des kollektiven Gedächtnisses, im Osten wie im Westen gehört er dazu wie die alten amerikanischen Wagen und die Sonne.

Vor der Stühleinstallation untersuchte M. Unverzagt andere Spuren, die die Zeit in  Unterhemden, Hemden und in Küchentüchern hinterlassen hat (die Küchentücher hat sie „Flaggen“ genannt hat), bevor diese Objekte endgültig im Müll verschwinden. Ein Flicken nach dem anderen und die Sorgfalt, mit der sie aufbewahrt worden sind, zeugen von dieser menschlichen Eigenschaft in guten wie in schlechten Zeiten, die in der jetzigen Zeit allerdings angesichts eines außer Rand und Band geratenen Konsumrauschs völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Ein deutscher Kritiker verwies immer wieder auf die deutsche Nachkriegszeit, um diese Haltung zu verdeutlichen- zu einer Zeit als die Menschen die wenigen Dinge sehr hartnäckig festhielten, die ihnen nach dem unseligen 2.Weltkrieg geblieben waren. Sie wollte in ihren Fotos  die Spuren der Vergangenheit in einer bestimmten Gemeinschaft deutlich werden lassen, die Macht des affektbeladenen Bildes in uns allen, seien wir nun Deutsche oder nicht.

So könnte man sagen, dass ihr künstlerischer Diskurs eine kontinuierliche Annäherung an die komplexen Beziehungen zwischen dem Leben und der Kunst ist, so wie ihn zahlreiche andere Forscher oder Künstler unabhängig von ihrer Herkunft, Bildung oder Religion führen.

 

Die „kubanischen“ Stühle sind in einer Reihe mit dieser Tendenz zu sehen, die sich heute in zahlreichen Essays, Artikeln, Ausstellungen, Foren, Seminaren oder Kunstbiennalen Bahn bricht - denken wir nur an die letzte Biennale hier in Havanna. Dabei geht es um einen wichtigen Gedanken, auf den wir immer wieder zurück kommen, um darüber nachzudenken, wie diese Tendenz heute temporär durch effekthascherische und spektakuläre Diskurse außer Kraft gesetzt wird, überschattet von so vielen strukturellen und formalen Besonderheiten, so vielen interdisziplinären Überschneidungen, Treffen und Auseinandersetzungen, die die heutige internationale Kunstszene so prägen und zu einem kulturellen Überdruss führen, dessen Ästhetik zweifelhaft bleibt und wenig dazu beiträgt, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen.

 

Eie Arbeit die mir im Oeuvre Unverzagts besonders aufgefallen ist, war der verbotene raum,

D, 2002. Dafür baute Unverzagt einen Raum 4 auf  4Meter, dessen Außenwände komplett weiß gestrichen wurden und in den man nur durch eine schmale Tür hineingelangen konnte. Alle Innenwände waren dunkelrot gestrichen und an jeder Wand konnte man Reproduktionen berühmter Bilder aus der europäischen Kunstgeschichte sehen.  Mit lebendigen Modellen stellte die Künstlerin diese berühmten Kunstwerke aus verschiedenen Museen nach – eine der Hauptzüge der Installation war, neben der Parodie, die z.B. das veraltete Interieur des Louvre verspottete, die Tatsache, dass alle aufgehängten Reproduktionen nackte Frauen und angezogene Männer zeigten. Diese ersetzte sie auf den von ihr inszenierten Fotos durch nackte Männer (. Diese Art der „vergleichenden Plastik“ unterzieht unsere etablierten männlich geprägten Kodizes einer Prüfung und initiiert eine Debatte über alte, doch drängende Fragen, die von der konventionellen Historiographie weitgehend unbeachtet bleiben.

 

Ihre künstlerischen Arbeiten sind zweifellos ein faszinierender Beitrag, wenn es unsere Aufgabe ist, die Bedeutungsgebung verschiedener Objekte in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu untersuchen. Es ist interessant in den Werken Unverzagts die Verschmelzung von Formen und Ideen zu beobachten – ihre Positionen vermitteln eine unmittelbare Empathie mit dem Betrachter und überzeugen durch die Einfachheit ihrer Mittel. So könnte man sie durchaus einer wichtigen Strömung der zeitgenössischen brasilianischen Kunst zuordnen.

Mia Unverzagt bleibt bei ihrer Herangehensweise an die uns bekannte Kunstgeschichte und eröffnet uns so komplexe Beziehungswelten, die uns für einige Zeit viel näher sind als wir uns vorher vorstellen konnten.

 

 

Nelson Herrera Isla