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Kunst und Kuba

 

Wie in vielen anderen Aspekten spielt Kuba auch im Kunstbetrieb eine besondere Rolle. Eingepfercht zwischen zweifelhafter Che Guevara Romantik,  „DDR in der Karibik“ -Stereotypen und touristischen Klischees gibt es eine sehr große Kunstszene auf der Insel, die sich von diesen Bedingungen immer wieder freimachen kann. Durch die Symbiose der eigenen traditionellen Ästhetik mit dem westlichen Kunstkanon ist eine vielschichtige zeitgenössische Kunst entstanden. Jegliche Erwartung an eine typisch kubanische Kunst, die exotisch und authentisch ist, wird jedenfalls nur für Touristen auf Straßenmärkten erfüllt. Die speziellen Bedingungen der Insellage, der knappen materiellen Ressourcen, der Revolution und des Kunstmarktes haben eine Kunst  hervorgebracht, die oft lebendig und direkt ist, bei der aber die kulturellen und politischen Implikationen in den Werken meist nicht so leicht zu durchschauen sind, wie es scheint.

Die isolierte Situation einer Insel, die durch die wirtschaftliche Blockade der USA in den letzten Jahren noch verschärft worden ist, hat dafür gesorgt, dass die Trends der übrigen Welt mit einiger Zeitverzögerung in Kuba angekommen sind und dort in den letzten Jahrzehnten auch in spezifischer Weise rezipiert wurden. Seit dem Sieg der Revolution hat die Regierung unter Castro großen Wert auf eine revolutionär ausgerichtete Kulturpolitik gelegt. Allerdings hat man von Anfang an unter revolutionärer Kunst etwas anderes verstanden, als das, was etwa im Ostblock unter sozialistischem Realismus firmierte. So gab und gibt es eine unvergleichlich größere Freiheit, künstlerische Standpunkte zu vertreten; die Grenzen markiert der Kunstmarkt und in einigen wenigen Fällen die politische Führung (in Deutschland siehe hierzu z.B die Intervention von Ferdinand Pïech bei einer Installation in einer VW-finanzierten Nachwuchsausstellung).

Durch die absolute Knappheit der Ressourcen und den relativen Mangel an Materialien (es gibt sie, aber man kann sie sich nicht leisten) sind kubanische Künstler und Künstlerinnen immer wieder in der Situation, neue Wege gehen zu müssen, um doch noch zu ihrem künstlerischen Ausdruck zu kommen. Man sollte sich allerdings von der weit verbreiteten Mär hüten, dass dieser Mangel die Kreativität befördere und insofern uneingeschränkt begrüßenswert sei. Durch den Mangel an Leinwand, Farbe, Fotopapier, Strom, usw. werden mindestens genauso viele Werke verhindert, wie durch diesen Umstand neue künstlerische Ausdrucksweisen gefunden werden.

47 Jahre Revolution haben zu einer Beförderung des kulturellen Bewusstseins breiter Bevölkerungsschichten geführt. Bildende Kunst gilt nicht als exotisches Randphänomen, sondern hat in vielfacher Hinsicht eine bedeutende Stellung. Von der Regierung werden alle kulturellen Ausdrucksformen nach Kräften gefördert, da sie implizit etwas über die Leistungsfähigkeit des Landes und die Vorteile des politischen Systems aussagen. Die Künstler selbst nutzen die ihnen zugestandene Autonomie nach Kräften und sparen auch nicht mit Kritik an den großen und kleinen Alltagssorgen. Auf der anderen Seite ist der Beruf des Kunstschaffenden beliebt, da er im Falle des Erfolges Dollars einbringt (1 Dollar = 26 Peso) und so in der sozialen Skala weit oben steht. Seit in Sammlerkreisen in den 90ern die besonderen Qualitäten kubanischer Kunst erkannt worden sind, ist es zu einem regelrechten Run auf kubanische Kunst gekommen. Auch sind Stipendien eine gute Möglichkeit für kubanische Künstlerinnen und Künstler, einige Zeit ins Ausland zu gehen. 

Man kann sich also vorstellen, wie vielschichtig die künstlerische Produktion und Distribution in diesem Lande ablaufen. Weder gibt es einen Grund gegen politische Gängelung zu polemisieren, die in Kuba sicher vorkommt und in ihren vielfältigen Wirkungsweisen der hier üblichen, jedoch weitgehend unsichtbaren Beeinflussung des künstlerischen Ausdrucks nur ebenbürtig ist. Noch muss man als Besucher oder Besucherin auf den ausgetrampelten Pfaden einer zum Klischee erstarrten Revolutionskunst wandeln; im Gegenteil - es gibt viel zu entdecken.

 

Mark Twert