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Was wir auf dem Lande tun - Schluß mit Lebeschön

 

 

Ein Versuch über zwei Bilderserien von Mia Unverzagt


 

Was wir auf dem Lande tun.

Was wie die Überschrift einer Erlebniserzählung in der 6. Klasse klingt, ist für Mia Unverzagt Titel einer Fotoserie und ein kleines böses Stück Kunst. In 9 farbigen Fotografien, die rhythmisch von Hoch- zu Querformat wechseln, sehen wir eine kleine Geschichte zweier Protagonisten, die in diesen Bildern wirken, als seien sie in eine Ihnen fremde Situation geworfen und versuchten hierin eine Rolle einzunehmen, die nicht ganz mühelos zu bewältigen wäre. 

Einige Hinweise deuten in dieser Bildergeschichte darauf hin, dass sich immerhin der Ort der Erzählung tatsächlich auf dem Lande befindet. Wir sehen einen Garten in frischem Frühjahrsgrün, mit Osterglocken und im Hintergrund das Fachwerk eines Backsteingebäude. Damit scheinen wir aber schon am Ende dessen angelangt, was „wirklich” ist.

Ein älterer Mann - „in den besten Jahren“ nennt man dieses Lebensalter gerne euphemistisch - gibt die Hausfrau, die auf den einzelnen Stationen den Gartenweg zupft, Bilderrahmen entstaubt, Kommodenplatten putzt und mit leeren Flaschen unter einem Schränkchen hantiert. Der junge Held, oder ist es eine Heldin, die den Helden mimt, steht - angetan mit Jackett, Hut und Gummistiefeln - beinahe wie der Gutsherr einer TV- Soap, im düsteren Eingang des erkennbar sehr bürgerlichen Hauses auf dem Lande. Einmal sitzt der junge Mann auch vor einer Kaffeetasse auf dem plüschigem Sofa im Wohnzimmer und scheint zu plaudern, dann wieder stellt er sich im Hof einem repräsentativen Portrait und schließlich endlich schlägt er im Stehen sein Wasser ab und hat zu guter Letzt den Toilettensitz wieder heruntergeklappt. Wenigstens das, möchte man bei all der unerträglichen bürgerlichen Tristesse rufen, die uns aus dem Werk anblinzelt. Die grausigen Tapeten, die perfekten Vorhänge, die monströsen Hässlichkeiten auf den Bildern, welche die Wände des Heims schmücken, in das wir auf einmal Einblick haben.

So spaßig mir anfangs diese Arbeit erschien, so sehr wendete sich in meinem Empfinden die dargestellte Szenerie von einer Travestie, die ich anfangs zu erkennen glaubte und immer noch in manchen Momenten sehe, hin zu einer prototypischen sozialdokumentarischen Reportage, die allerdings gefakt ist. Dies tut der Eindringlichkeit keinen Abbruch. Es spielt keine Rolle, was und ob irgend etwas wahr ist in diesem Bilderreigen. Ob dies jetzt ein schwules Pärchen ist, ob wir eine komplizierte Vater - Sohn Beziehung vor Augen haben, ob wir einen Putzmann und den Hausherrn sehen oder das oben angesprochene Spiel um Geschlechter- und Altersrollen? Mia Unverzagt macht mit diesem Bilderbogen ein rasantes Spiel um Menschen, Orte, Stil, und Wahrnehmung, dessen nächste Seite in „Schluss mit Lebeschön“ aufgeschlagen wird. Mutmaßlich in der selben Wohnung findet das rätselhafte Treiben einer Gruppe von drei Personen statt. Drei Frauen in Hosen unternehmen – stets barfuß – vollkommen unverständliche Handlungen. Sie liegen auf dem Boden, ziehen sich am Wohnzimmerschrank hinauf, verbergen die Augen vor einer Heimorgel sitzend mit der Schutzdecke: So wie sich Kinder der Wand zuwenden und der festen Überzeugung sind, auf diese Weise unsichtbar zu werden, wie Erwachsene die Hand vor Augen halten, wenn der sichtbare Teil der Wirklichkeit zu schlimm oder schwer wird, um ihn noch länger ertragen zu können.

Mia Unverzagts Protagonisten scheinen nicht länger in der Lage, bleiben zu können, in all der hybriden Häßlichkeit, wie etwa dem Krankenlager mit seinem Galgen. So schlagen sie sich denn unters Bett, nur die Beine mit den nackten Füßen lugen unter Ihnen hervor und ich beginne zu grübeln, weshalb die Füße nackt sind und wofür sie stehen. Manche der Szenen meine ich aus archaischen Geschichten zu erinnern, etwa „Der Wolf und die sieben Geißlein“, wo all die jungen Ziegen sich verstecken wollen, als der böse Wolf die Wohnung entehrt. Nur jenes, das sich im Uhrenkasten versteckte, konnte anschließend den Lauf der Zeit(!) wieder in Ordnung bringen. Hier allerdings rettet niemanden eine Standuhr, es kann keine Rettung geben, weder für die Protagonisten der Foto-Novela, die wir hier sehen, noch für die Betrachter selbst.

Was wir in „Schluß mit Lebeschön“ sehen, ist in seinem narrativen Aspekt radikaler als „Was wir auf dem Lande tun“. Es existiert keine erzählerisch bindende Klammer, lediglich mit der Kraft unserer Assoziationen können wir in dieses Tableau eintauchen. Die Beziehung der drei Frauen zu der Wohnung, in der sie agieren erscheint massiv gestört. Fern aller Konventionen agieren sie in den schwer zu deutenden Bildern als Eindringlinge, die gleichwohl eine gewisse Vertrautheit zum Ort und vor allem dem genius loci entwickelt zu haben scheinen.

Mit einem Augenzwinkern konfrontiert uns die Künstlerin mit der Erkenntnis, dass das Leben unerbittlich fortschreitet, dass Orte, die für die einen Heim und zu Hause sind, für die anderen Orte seelischer Qualen sein können. Spiel und Radikalität in einer zutiefst sinnlosen und verzweifelten Welt scheinen manchmal den einzigen Weg in die Freiheit zu öffnen.  



Beide Serien von Mia Unverzagt sind schnell. Sie sind schnell entstanden, sie sind schnell konsumierbar und sie nisten sich rasch in unserer Gedankenwelt ein. 

So befremdlich die Handlungen anfangs auch scheinen, so alltäglich ist die Umgebung in der sie entstanden sind und so normal sind die Handlungen auf den zweiten Blick. Denn natürlich hat schon jeder einmal halb unter einem Bett gelegen, hat sich jeder schon einmal unter einem Tisch gefunden, hat auf einen Schrank gesehen und auf allen Vieren auf dem Fußboden gekniet. Die stupende Verknüpfung der Szenen allerdings macht uns die Absurdität des Lebens und Handelns bewußt. Elegant kombiniert Mia Unverzagt in beiden Serien die Leichtigkeit ihres Erzähltalentes mit ihrem rauhen, direkten Stil die Erzählung visuell umzusetzen: ihr Stil ist keinesfalls nur eine Frage der äußeren Form.


Thomas Schirmböck