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                                                  Rechts sind die Haare kürzer
                                                  Die Glatze unter Generalverdacht


Die Kahlrasur scheint als immerwährendes Klischee und Zeichen für rechtsradikale Gewaltbereitschaft von Bestand. Zwischen Sträflings- und Soldatenfrisur gehört sie in Verbindung mit anderen Insignien (Tätowierungen, Piercing, Abzeichen) zu einem visuellen Repertoire, das eng mit der Vorstellung politischer Extreme verflochten ist und immer noch mit erstaunlicher Eindeutigkeit funktioniert. Trotz des Verlustes klarer Zuordnungen von Moden, Kultmarken und Frisuren herrscht ein implizites Einverständnis darüber, was die visuellen Codes der rechten Szene sind und wie sie zu erkennen ist.

Diese visuellen Codes und ihre undifferenzierten Klassifikationsmuster stellt Mia Unverzagt in ihrer Arbeit "wir wissen nichts" subtil zur Disposition. In der Nische eines Treppenabsatzes der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken installiert sie 1999 ein sparsam eingerichtetes Interieur, das abseits der Hauptroute des Rundgangs liegt. Teils geschützter Schrein, teils offene Situation, schwebt dieser Raum in einer merkwürdigen Ambivalenz zwischen Aufdeckung und Geheimnis, zwischen öffentlich und privat. Dass der flüchtige Blick in das Zimmer nichts zu sehen gibt oder dass man gar unbemerkt an ihm vorüber gehen könnte, ist kalkuliert.

In vordergründiger Ereignislosigkeit steht dort ein Bett aus hellem Kiefernholz mit Blümchenbettwäsche in fröhlichen Farben auf einem gewöhnlichem Teppich. Die Bettdecke ist aufgeschlagen, wirkt einladend. Ein wenig spricht daraus der Mief eines spießigen Heims, besonders dort, wo Bilder aus alten Spieldosen, einem deutschtümelnden Andenkenskult huldigen. Indem man unsicher in diese Intimität eindringt, macht sich Unbehagen breit, wird die Stille unangenehm und provozierend. Und plötzlich verkehrt sich die heile Blümchenwelt in ein konfrontatives Szenario, kippt das private Schlafzimmersetting in eine geheime Obsession: Denn die Unterseite der Bettdecke entblößt unter schwarz-rot-goldenen Streifen eine Hakenkreuzfahne.

Spätestens jetzt ist der Betrachtet komplett involviert, hin- und hergerissen zwischen Lachen und Entsetzen, Neugier und Distanzhaltung. Fotos, auf dem Fußboden verstreut, scheinen den wachsenden Verdacht zu bestätigen. Sie zeigen das Porträt eines kahlrasierten Menschen mittleren Alters, und sofort setzt die Gewissheit ein: Wir befinden uns in der getarnten Bürgerlichkeit eines radikalen Skins. Unwillkürlich gleitet der Blick unters Bett auf der Suche nach weiterer Untermauerung des Verdachts, sucht Bomberjacke und Springerstiefel - doch diese sind nicht zu finden. Und es ist gerade ihre Absenz, die die Bedeutung des Arrangements so unerträglich in der Schwebe hält und das starkem Bedürfnis nach Eindeutigkeit verwehrt.

Im Vertrauen auf die Fähigkeit zur Rezeption und auch zum Missverständnis, setzt Mia Unverzagt auf die politische Wirksamkeit der Kunst. Sie befragt die legitimierende Funktion von Bildern und spielt gezielt mit den psychologischen Mechanismen, die hinter medial-kodierten Stereotypen und Phantasien stehen. Die Verunsicherung ihrer Installation ist insofern produktiv, als sie bewusst macht, dass es sich um fragwürdige Konstruktionen und Zuschreibungen handelt, und man erschrickt erneut über die eigene Evidenz, wenn man erfährt, dass der kahlrasierte Schädel der Künstlerin selbst gehört - das allerdings konnten wir nicht wissen.

 

Carina Herring