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                                                       Hüllen

 

Um diese Fotos von Hemden verstehen zu können, muss ich mühsam in eine Zeit zurückblicken, die ich selbst nicht erlebt habe – es ist also eine Reflexion zweiten Grades, wenn man so will. Der erste Eindruck ist derjenige des Schutzes, der fadenscheinig geworden ist. Denken wir über den Typus dieser Kleidung nach. Er repräsentiert weder Mode noch Design, sondern Funktionalität und Schutz. Solche Hemden sind keine T-Shirts im modernen Sinne, sondern Unterwäsche – „Wäsche“ eben, in der veralteten Bedeutung des Wortes. Kleidungsstücke, die direkt auf dem Körper getragen werden, unmittelbar auf der Haut, und vor allem vor den intimen Zonen des Körpers. Sie verdecken die peinlichen Blößen und kleiden dennoch neutral, ohne selbst als Kleidungsstücke auffallen zu wollen. Diese Hemden verrichten still und pflichtbewusst ihre Aufgaben, so wie einst ihre Träger die täglichen Mühen auf sich nahmen. Diese Hemden waren Massenware, die täglich gewechselt wurde, in Waschkörben gesammelt und dann in großen Eisenkesseln eingeweicht, gekocht und geschrubbt. Diesen Hemden wurde nichts geschenkt, sie hatten zu funktionieren und lösten sich auf. Da sie fast nie zu sehen waren, wurden sie repariert, die Löcher ausgebessert. Dies war eine alltägliche Verrichtung. Das Stopfen der Löcher ist heute zumindest in wohlhabenden, westlichen Gesellschaften nicht mehr üblich.

Wer hat gestopft und wann wurde gestopft? In Zeiten, in denen die Kleidung noch teuer oder wertvoll war, in Zeiten, in denen es kaum Kleidung gab, in Regionen, die fern von den zivilisatorischen, urbanen Möglichkeiten des täglichen Einkaufens und des Warenangebotes waren, wenn ein Kleidungsstück dem Träger sehr lieb geworden war und er es so lange wie möglich erhalten wollte - egal wie es äußerlich aussah. Stopfen war Frauenarbeit, genauer gesagt Mütter- und Großmütterarbeit. Stopfen ist eine handwerkliche Technik, zu deren Ausübung man Geschick, technisches Wissen und die Utensilien Stopfgarn, eine Stopfnadel und ein Stopfei bzw. einen Stopfrahmen brauchte. Wie alle bürgerlichen weiblichen Handwerkstechniken wird auch das Stopfen heute nicht mehr ausgeübt und ist daher eine Tradition, die dem Vergessen und Verschwinden zum Opfer fällt. Diese Handarbeit ist eine schon beinahe kunsthandwerkliche Technik, die über viele Generationen durch Nachahmung tradiert wurde und wie allen dörflichen Handwerkstraditionen, an der Dauer, an der langen Erhaltung der Dinge ausgerichtet war. In der Ironier der Handarbeit liegt auch das Schicksal der Werkstücke, denn meistens hielten die gestopften Areale länger als das Kleidungsstück selbst.

Auch die Herrenunterhemden aus weißer, gerippter Baumwolle trägt nur noch eine Generation von Menschen, die den Krieg erlebt haben, die in der armen Nachkriegszeit das Land aufgebaut haben und man kann zweifellos behaupten, dass dieser Hemdentyp „Feinripp, halbarm“ eine genuin deutsche Männertracht geworden ist. Ihr haftet – ganz real – der Geruch der körperlichen Arbeit auf dem Feld, in den Hallen der Schwerindustrie und beim „Bau“ an. In diesen Hemden steckten einst die Männer, welche (Hoffnungs?)träger der Zukunft unseres Landes waren. Sowohl über die Hemden, als auch deren Träger und letztlich über unser Erinnerungsbild selbst ist die Maschine der Zeit gegangen. Sie hat Risse, Schrammen und tiefe Narben in der Oberfläche hinterlassen und sie löst einen schalen, einen bitteren Geschmack zwischen Trauer, Hass und Nostalgie aus, den man wirklich nicht genau einordnen kann.

 

Gerhard Glüher