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Darüber reden wir noch

 

 

 

Mia Unverzagt portraitiert ihr unbekannte Menschen, die ihr intime Gefühle und Geschichten offenbaren. Es sind Reihen von Portraits jeweils unter gleichen Bedingungen, an einem Ort,  einem kleinen Laden oder Container. Sie bittet die Menschen fotografieren zu dürfen, wenn sie sich – meist erzählend - an ein bestimmtes Gefühl erinnern, angezogen in jeweils gleicher Farbe.

Seit den 1910er Jahren hat der in Köln arbeitende Photograph August Sander bis zu seinem Tod 1964 mit seinen schwarz-weiß Portraits der „Menschen des 20 Jahrhunderts“ ein Werk mit über 600 Einzelbildern entwickelt, das er dann zwischen 1925 und 1927 nach beruflichen, sozialen und familiären Gesichtspunkten so gliederte, dass ein typologisches „Antlitz der Zeit“ entstand – so der Titel seines Werkes von 1929. Stefan Moses ist ein würdiger Nachfolger Sanders in seiner nüchternen, erhellenden Sicht auf die Deutschen, die er alle vor einem gespannten Filztuch einheitlich fotografiert: „Deutsche – Portraits der sechziger Jahre“ (1980) und „Ende mit Wende“ (1990). Viele Namen könnte man hier nennen, die künstlerisch präzis und gesellschaftlich aufschlussreich bestimmte Gruppen portraitierten: Herlinde Koelbl (seit ihrem ersten Buch mit Menschen in ihren Wohnzimmern) bis Reiner Leist (Portraits und Texte aus Südafrika) oder Thomas Struth „Familienportraits“. Für das Werk von Mia Unverzagt mag die Serie der „Familienportraits“ von Thomas Struth deshalb von besonderer Bedeutung sein, weil hier nicht nur die ruhige Frontalität und relative Gleichförmigkeit der fotografischen Position Vergleiche ermöglicht, sondern die psychologische Beziehungen, das Familien-Geflecht mit seinen sichtbar werdenden Zuordnungen thematisiert werden und so diese Familienportraits zugleich spannungsreiche, ja sogar emotionsgeladen wirken – trotz aller nach außen getragenen Gelassenheit.

 

Für unser Thema der Bildreihe Mia Unverzagts Projekt „Darüber reden wir noch“ ist aber ebenso aufschlussreich eine weitere Linie: immer wieder wurden Photos von Menschen gemacht, um den Gesichtsausdruck bestimmter Seelenzustände wie Schmerz oder Freude zu studieren, ihn für Maler als Vorbild nutzen zu können. Guillaume Duchenne de Boulogne veröffentlichte 1862 ein ganzes Buch mit Portraits von Menschen, die er elektrischen Schocks ausgesetzt hatte, um unterschiedliche Reaktionen und Gefühle sichtbar zu machen. Diese „Electro-Physiologie Photographie“ des Arztes Duchenne diente auch Darwin für die Illustration seiner Veröffentlichungen. Dass Künstler – wie Wols oder Kurt Kranz - solche Gebärdensprache fasziniert und diese solche Selbstportrait-Reihen gestalteten, sei noch hinzugefügt. Doch keiner hat dies Thema in großen Reihen so schmerzhaft und eindrucksvoll ins Bild gesetzt wie der Berliner Dieter Apelt in den letzten drei Jahrzehnten..

 

In diesem Spannungsfeld – auf der einen Seite: gleiche Ausgangsgegebenheiten für die Dargestellten, auf der anderen stark emotionale, vergleichbare Thematik – entsteht das neue Werk von Mia Unverzagt. In fünf Städten baute sie ihr einfaches, kleines Studio an unscheinbaren Orten auf, zwar öffentlich zugänglich, aber kaum als Ort der Kunst erkennbar. Sie bot jeweils Kleidung in einer Farbe als vereinheitlichendes Element an, um die zu Portraitierenden zu bitten, sich an ein bestimmtes Gefühl zu erinnern – dies ist dann der Anlaß und das Motiv des Fotografiert werdens:

 

In Beige: wann man sich im Leben am ohnmächtigsten gefühlt habe (Dresden, Saarbrücken)

In Rot: wann man sich im Leben am verlassensten gefühlt habe (New York)

In Weiß: wann man sich im Leben am zornigsten gefühlt habe (Bassum)

In Grau: wann man im Leben den größten Fehler begangen, die größte Schuld auf sich geladen habe (München).

 

Es geht hier um das Erinnern, an die eigene Auseinandersetzung, um das Erzählen von Gefühlen, von Verletzungen. Es war Teil der Vereinbarung, dass die Künstlerin nicht über die Inhalte berichtet – wir können nur ahnen und in den Gesichtern lesen. Dies unterscheidet Mia Unverzagts Projekt von vielen anderen, die gerade die Texte, Berichte oder Beichten als Text gleichwertig neben die Bilder fügen. Dagegen betont die Künstlerin, dass gerade die Tatsache, dass sie dem Einzelnen die Anonymität belässt und allein die Bilder sprechen lässt, den Menschen Mut gegeben hat, sich an solche Situationen und Gefühle zu erinnern. Es ging weder um wissenschaftliche Versuchsreihen, noch um „schöne“ Portraits, sondern darum „dass die Leute etwas bei mir lassen“, wie Mia Unverzagt sagt. Deshalb finden diese Portrait-Sitzungen in halböffentlichen Räumen an unspektakulären Orten statt. Die Portraitierten entdecken selbst den Ort, betreten meist schüchtern neugierig den für kurze Zeit neu entstandenen Ort, der ihnen Kleider in einer einheitlichen Farbe zum Aussuchen anbietet. Damit konzentrieren wir uns als Betrachter der Fotos ganz auf die Unterschiede der Gesichter, auf den jeweiligen Ausdruck. Die Reduktion der äußeren Mittel ermöglicht eine große Ruhe. Und wir beschäftigen uns mit unseren Gedanken zu dieser Fragestellung, denn die Gesichter der Portraitierten sprechen nur zu uns, wenn wir uns selbst Antworten geben: hier werden die Portraits der Anderen zu unseren Portraits, die uns verschlossenen Erzählungen können wir nur mit unseren eigenen füllen.

Mia Unverzagt gelangen so Portraitfotos, die uns Fremde zeigen, die uns auf Grund unserer eigenen Erinnerungen nah sind.

 

Wulf Herzogenrath