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Darüber reden wir noch

Mia Unverzagt im Gespräch mit Sebastian Neußer

 

 

S.N.: Deine mehrteilige künstlerische Fotoperformance mit dem Titel Darüber reden wir noch erstreckte sich über einen Zeitraum von drei Jahren und wurde an verschiedenen Orten realisiert. Ein Raum war dabei jeweils in einer Farbe (Beige, Rot, Weiß und Grau) mit passenden Objekten und Kleidungsstücken eingerichtet. Teilnahmebedingung war das Anziehen jeweils einfarbiger Kleidung aus dem zur Verfügung stehendem Angebot und die Beantwortung einer von dir gestellten Frage. Während des Erzählens hast du die Teilnehmer fotografiert und nun für dieses Buch eine Auswahl der entstandenen Fotos zusammengestellt.

 

M.U.: Die Arbeit war nicht von Beginn mehrteilig geplant. Jede einzelne Aktion ist auch für sich zu sehen. Die Orte, so verschieden sie waren, mussten öffentlich zugänglich sein und sollten der Aktion nicht die Atmosphäre dramatischer Inszenierung verleihen. Die einzelnen Teile ähneln sich in ihrem grundsätzlichen Aufbau, unterscheiden sich aber in so vielen Punkten, dass eine direkte Vergleichbarkeit sinnlos bzw. unmöglich wäre. Jeder Raum ist eine Frage, die zum individuellen Ausdruck der Teilnehmer führt. In Dresden ging es um das Gefühl der Ohnmacht, in New York um Verlassenheit, in Bassum um Zorn und in München um Schuld.

 

S.N.: Das Ablegen der eigenen Kleidung und die darauf folgenden Fragen bedeuten doch einen enormen Eingriff in die Privatsphäre der Teilnehmer. Es erinnert mich an das Ritual der Beichte, nur kannst du als Künstlerin kaum institutionelle Absolution oder göttlichen Beistand versprechen. Bestand niemals während der ganzen Zeit ein Gefühl, deinem Gegenüber zu Nahe gekommen zu sein?

 

M.U.: Absolution halte ich nicht für erstrebenswert, da sie Menschen in die Passivität drängt. Beistand, in diesem Fall künstlerischer und nicht göttlicher Natur, kann ich sehr wohl bieten. Mit einem Beichtstuhl haben meine Räume jedoch wenig gemein, auch wenn sie eine Schwellensituation zwischen öffentlichem und privatem Raum darstellen. Mein Interesse liegt in der Annäherung an verdeckte Strukturen, weshalb ich den Menschen auf eine Art näher kommen möchte, die den Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge schärft. All diejenigen, die sich mir während dieser Zeit mitteilten, standen niemals in einer Abhängigkeit, weshalb ich eine Parallele zur religiösen Beichte nicht sehe. Dort wird Schuld zugewiesen und Entschuldigung unter göttlicher Legitimation versprochen. Bei mir geht es um menschliche Begegnung auf Augenhöhe. Die nicht alltägliche Form von Distanzverlust unter Fremden erachte ich als Gewinn für beide Seiten, doch das bedeutet nicht, dass meine Arbeit therapeutische Absichten verfolgt. Mir geht es um die Form der Fotografien und nicht die Offenbarung – geblieben sind die Bilder, die Geschichten sind ein Geheimnis zwischen den Teilnehmern und mir.

 

S.N.: Wenn diese Aktionen nicht als künstlerische Gesellschaftstherapie gedacht sind, so frage ich mich einerseits, was die Leute zur Teilnahme an Deinem Projekt bewogen hat und andererseits, was deine Bilder denjenigen vermitteln sollen, die über kein Wissen hinsichtlich der zugrunde liegenden Fragen verfügen. Ich habe darüber nachgedacht, ob mir einzelne Bilder eine Brücke zu der individuellen Geschichte der abgebildeten Menschen bauen, doch mir erschließt sich keine eindeutige Verbindung zwischen einzelnen Gesten und einer möglichen dazugehörenden Geschichte.

 

M.U.: Das hoffe ich, da die Bilder nicht eindimensionale Geschichte erzählen. Zwischen Betrachter und Fotografie öffnet sich idealerweise ein narrativer Raum, der nichts mit der Rekonstruktion vorgegebener Geschichte zu tun hat. Es sind nicht die Geheimnisse der dargestellten Menschen, die hier von Bedeutung sind, sondern die eigenen Geheimnisse, zu denen man mit Hilfe der Bilder gelangen kann. Sie fungieren als Kommunikationsfläche, die zum Nachdenken und Weiterdenken einlädt. Den Betrachtern kommt demnach eine ganz wesentliche Bedeutung zu; sie können das Kommunikationsangebot annehmen, was Missverstehen, Andersverstehen, Interpretieren und auch Belächeln als mögliche Reaktion mit einschließt. Genauso muss Kunst auch Raum zur Ablehnung ermöglichen – eine Vorstellung, die bei vielen Künstlerinnen und Künstlern großes Unbehagen hervorruft.

 

S.N.: Sprichst du damit auf fotografische Hochglanzformate an, die in ihrer überwältigenden Präsenz Betrachtung erzwingen?

 

M.U.: Ja, ich lehne Überwältigungsstrategien ab, da sie erdrücken und letztendlich Ausdruck einer Angst vor Kritik sind. Ablehnung, Nicht-Teilnahme und Anders-Verstehen sind wesentliche Aspekte der Kommunikation, denen ich mit meiner Kunst Raum geben möchte.

 

S.N.: Wäre die Preisgabe eines nur erdachten Geheimnisses demnach eine von dir als gleichwertig akzeptierte Form der Teilnahme an diesem Projekt? Verbreitet sich nicht in den letzten Jahren zunehmend ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Teilnahme und medialer Präsenz, das meist unter dem Deckmantel privater Enthüllung organisiert wird. Die Konstruktion fiktiver Identitäten ist Kern verschiedener medialer Formate; Denken wir an die allnachmittaglichen Reality-Dokumentationen im TV, so ist wohl eine breite Tendenz zum Emotions-Exhibitionismus nicht zu bestreiten, dessen Authentizität in vielen Fällen fraglich ist. Die inszenierte Zurschaustellung persönlicher Geständnisse täuscht über die Ereignislosigkeit des eigenen Lebens hinweg, das seine Bestimmung zu großen Teilen nur noch im Medienkonsum findet. Liegt vielleicht ein Reiz gerade in der Preisgabe intimer Gegebenheiten, die mit tatsächlich erlebter Realität nichts mehr zu tun haben.

 

M.U.: Ich kann und wollte auch nicht nachprüfen, ob das mir Erzählte tatsächlichen Erlebnissen entspricht, frei erfunden oder abgewandelt wurde. Es geht auch nicht um die Authentizität der Geschichten - das Bild muss überzeugend sein. Bei einer Erzählung gibt es immer einen Kern tatsächlicher Ereignisse, doch mich fasziniert vor allem die Interpretation des Erlebten. Welche Schemata des Erzählens existieren? Wie verwandeln und verknüpfen sich Erinnerungen? Zudem glaube ich nicht an die klare Trennung zwischen wahren und falschen Erzählungen: Jede Form der Teilnahme ist Ausdruck einer inneren Disposition, die abseits der Kategorie von wahr/falsch existiert. Fraglos gibt es eine gesellschaftliche Tendenz zur öffentlichen Preisgabe ehemals privater Bereiche, die unter anderem Folge der zunehmenden Isolation des Menschen in der Gesellschaft ist. Da die Teilnehmer meiner Aktionen selber fühlen müssen und sich nicht von einem medial aufbereiteten Emotionssumpf berieseln lassen können, steht die Arbeit in Beziehung zu den von dir angesprochenen Formaten, doch im Ergebnis geht es eben nicht um den Inhalt der Geschichte, sondern die Rezeption des Bildes.

 

S.N.: Die Fotos lenken die Aufmerksamkeit aufgrund der zurückhaltend einheitlichen Farben der kargen Räumlichkeiten auf die Gestik und Mimik der Teilnehmer. Glaubst du an ein gesellschaftlich geprägtes Repertoire von wiederkehrenden Mimiken und Gestiken, die mit bestimmten Gefühlsituationen in direkter Verbindung stehen? Von der Künstlerin Hannah Wilke gibt es ein Video mit dem Titel Gestures von 1974, an das ich denken musste. Der Bildausschnitt beschränkt sich auf ihr Gesicht und die Hände vor dunklem Hintergrund. Gezeigt wird die Künstlerin, wie sie eine Folge eindeutig weiblich konnotierter Mimiken und Gestiken vorführt und damit in sehr undogmatischer Form die Vergesellschaftlichung und Kommerzialisierung des weiblichen Körpers thematisiert.

 

M.U.: Diese Arbeit von Wilke ist eine ganz entscheidende für die Geschichte der feministischen Kunst und heute noch aktuell. Der menschliche Körper, und das bezieht sich natürlich nicht nur auf den weiblichen, ist Kommunikationsmedium. Er drückt aus, vermittelt und kann instrumentalisiert werden. Dieses Thema war für Wilke zentral und ein Blick in die heutige Werbelandschaft zeigt, wie der menschliche Körper immer noch und stärker den je als Instrument der Produktvermarktung - vom Schokoriegel bis zum Waschpulver - dient. Bei meiner Arbeit interessieren mich die Strukturen unserer Gesellschaft, die, so glaube ich, vielerorts ein blinder Fleck unserer Wahrnehmung sind. Darüber reden wir noch sollte keine dramatischen Ergebnisse liefern, die mit der eindeutigen Stimmung von Wut, Ohnmacht oder Zorn daher kommen. Ich will nicht erdrücken, sondern das Bild in all seiner Widersprüchlichkeit zeigen. Unsere Zeit ist geprägt von Vereinheitlichung auf allen Ebenen, doch der persönliche Ausdruck ist wichtiges Refugium jenseits aller Normierung, der leider allzu oft unterschätzt wird. Kürzlich las ich in der Zeitung, Forscher der Universität Frankfurt hätten herausgefunden, dass beruflich aufgesetztes Dauerlächeln zu Depressionen führen kann. Es wird beispielsweise Verkäuferinnen und Flugbegleiterinnen angeraten, in den Arbeitspausen zum gesundheitlichen Selbstschutz auf Lächeln zu verzichten. Das klingt absurd, doch es zeigt, wie sehr die Bedeutung von Mimik bisher unterschätzt wurde und eben nicht nur aufgesetzte Maske ist, sondern körperliche Relevanz hat.

 

S.N.: Ich würde gerne noch einmal auf den Aspekt des Geheimnisses zurückkommen, der, wenn auch nicht inhaltlich, so doch in anderer Hinsicht von direkter Bedeutung für das Bild ist. Einerseits ist der Körper selbst bildliches Kommunikationsmedium, doch Basis der Fotoperfomance ist sprachlicher Austausch. Du bestimmst den thematischen Rahmen, ermutigst die Menschen zum Gespräch und konzentrierst dich neben der Geschichte vor allem auf die Mimik und Gestik, die häufig als rhetorische Begleiterscheinungen angesehen werden. Die sprachliche Kommunikation ist von entscheidender Bedeutung, da sie als gestisches Lockmittel eingesetzt wird. Das körperliche Agieren ist nicht zuletzt durch das Gefühl bestimmt, ein Geheimnis, gleich welcher Art, preiszugeben. Insofern verleiht dieses einseitige Vertrauensverhältnis dir eine ganz neue Künstlerinnenrolle, die einer unbeteiligt Fotografierenden nicht zukommt. Ich habe da eine Performance von Vito Acconci im Sinn, der sich im Jahr 1971 für Untitled Project for Pier 17 für die Dauer eines Monats jede Nacht für eine Stunde an einen entlegenen Ort setzte und Leuten, die aufgrund seiner vorherigen Ankündigung dorthin kamen, eine sehr private Geschichte erzählte, die bei Enthüllung äußerst peinlich für ihn gewesen wäre.

 

M.U.: Die meisten meiner künstlerischen Arbeiten haben mit Kommunikation zu tun. Erwiderung und Widerhall sind zwei Begriffe, die mich dabei beschäftigen; Erwiderung impliziert ein Gegenüber, auf das man sich einlassen muss. Meine Arbeit entsteht zwischen den Menschen, auf die ich mich einlasse und die sich auf mich einlassen. Sicherlich gibt es ein Konzept, das aber wiederum durch vorherige Kommunikationen motiviert wurde. Die Arbeiten selbst sind Ergebnis vielschichtiger Interaktionsprozesse. Bei Darüber reden wir noch habe ich die Fragen gestellt, Räume und Objekte gewählt und fotografische Entscheidungen getroffen. Die Bilder jedoch wurden nicht von mir inszeniert, sondern ergaben sich aus dem, was die Teilnehmer mit mir teilten. Widerhall bezieht sich dagegen auf die reine Illusion eines Anderen; wie bei einem akustischen Echo oder einer bildlichen Spiegelung reflektiert man nur sich selbst.

 

S.N.: Der Titel Darüber reden wir noch trägt eine Mehrdeutigkeit in sich. Zum einen verwendet man die Aufforderung bei Gesprächen in öffentlicher Runde; es ist eine Abmachung zwischen zwei Menschen, die mit ihrer Kommunikation an einen Punkt gelangen, der größere Privatheit zur Fortführung verlangt: Wir verstehen uns, die Übrigen hat das nicht mehr zu interessieren und darüber reden wir noch unter vier Augen. Zum anderen existiert eine Drohung, die vielleicht gerade Kindern bekannt ist. Ein Darüber reden wir noch der Eltern enthält die unmissverständliche Botschaft, das klare Regeln überschritten wurden, man jedoch unter öffentlicher Beobachtung nicht die Fassung verlieren möchte. Sanktionen sind zu Hause zu erwarten. Deine Fragen während der Aktionen bezogen sich auf die Gefühle Ohnmacht, Verlassenheit, Zorn und Schuld. Wo bleiben die glücklichen Gefühle?

 

M.U.: Die Frage nach dem Glück ist eine sehr schwierige. Glücklichsein ist in unserer Gesellschaft als allgemeines Ziel anerkannt, doch mir scheint, dass es häufig als zufriedenes Oben-auf-Schwimmen verstanden wird. Wenn Glück tatsächlich gedankenloses Wohlbefinden bedeutet, so bin ich weder als Mensch und schon gar nicht als Künstlerin daran interessiert. Mich beschäftigt ein möglichst breites Spektrum an Gefühlen; tiefes Erleben anstelle des kurzlebigen Augenblicks. Vielleicht frage ich gerade nach Ohnmacht, Verlassenheit, Zorn und Schuld, weil es sich dabei um existentielle Gefühle des Menschseins handelt, die im gesellschaftlichen Diskurs weitestgehend übergangen werden. Man spricht nicht von Ohnmacht, sondern darüber, wie Macht gewonnen werden kann. Bei Verlassenheit geht es meist um Wege zu ihrer Überwindung und ein Gefühl wie Zorn hat in unserer vordergründig harmonisierten Gesellschaft gar keine Existenzberechtigung. Zorn wird lediglich als Unvermögen angesehen und ist Ausdruck der Tatsache, mit einer gegeben Situation nicht produktiv umgehen zu können. Diese Einstellung hat für mich nichts mit Pessimismus zu tun, sondern mit Anerkennung eines vielfältigen Menschseins.

 

S.N.: Verbindet die einzelnen Gespräche eine inhaltliche oder zeitliche Struktur, die über die gleich bleibende Frage hinausgeht?

 

M.U.: Nein, ich stellte meine Frage und der weitere Verlauf war offen. Es gab keine feststehenden Anschlussfragen oder ein zeitliches Limit. Natürlich erinnere ich mich an Gespräche, die interessanter als andere waren und so bestimmte auch meine Art des Rückfragens die Gesamtdauer. Ein Gespräch wird entweder von Außen unterbrochen oder von einem der Gesprächspartner beendet. Diese Situation ist schwierig, da sie den Anderen zurücklässt. Es existieren viele rhetorische Brücken, die über ein Gesprächsende hinweghelfen. Bei Darüber reden wir noch bleiben die Bilder, die Anfangspunkt weiterer Kommunikation sind.