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Mia Unverzagts nicht so unschuldige Bilder

 

Mit „Ich weiß, was Jungs gefällt“ setzt Mia Unverzagt Untersuchungen fort, die sie in vorherigen Arbeiten begonnen hat, und geht gleichzeitig neue Wege. Wie in anderen Arbeiten, z.B. in Darüber reden wir noch aus dem Jahr 2008, entstehen ihre Bilder in einem Prozess, in dem die von ihr fotografierten Personen zu Performer*innen werden; dabei folgen sie einem losen Skript mit Anweisungen Unverzagts. Bei der aktuellen Arbeit hat Unverzagt ihre Performer*innen eingeladen, aus einem Sortiment von Hüten und Schals auszuwählen und Interviewfragen zu beantworten. Aus den Antworten wurden dann die Untertitel für die Fotoarbeiten ausgewählt. Auf diese Weise hatten die Frauen eine gewisse Kontrolle, sowohl über ihr Erscheinungsbild als auch über die Zitate, die mit ihnen verbunden werden. Allerdings war es letztlich doch Unverzagt, die die Inszenierung bestimmte, indem sie die Antworten aussuchte, die verwendet wurden, und außerdem aus Einrichtungsratgebern und Werbeanzeigen der 70er Jahre Bilder auswählte, die sie mit den Portraits zu Triptychen zusammenstellte. Die Künstlerin sieht ihre Arbeit im Zusammenhang mit den Features, die man bei DVDs im Bonusmaterial unter »Making-of« findet, wie beispielsweise Interviews mit den Schauspieler*innen. Für Unverzagt bewegt sich dieses Material auf der Grenze zwischen öffentlich und privat in dem Sinne, dass uns Bilder angeboten werden, die vorgeblich privat sind und uns zu zeigen scheinen, wie die Schauspielerinnen hinter den Kulissen wirklich sind, wenn sie nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Natürlich sind diese Szenen genauso inszeniert wie der Film selbst und erzeugen nur den Eindruck von Intimität. Auch die Lifestyleanzeigen aus den Einrichtungsratgebern bewegen sich auf dieser Grenzlinie, indem sie Wohnsituationen inszenieren, die sie als öffentlich verfügbare Modelle anbieten, gemäß derer wir unser privates Leben einrichten sollten. Unverzagts Interesse an der porösen Grenze zwischen öffentlich und privat war schon bei der Werkreihe Darüber reden wir noch offensichtlich. Auf den Fotos dieser Serie reden Menschen über emotional aufgeladene Themen, die zwar angedeutet, aber nie explizit benannt werden, da Unverzagt nur die Themen der Gespräche vorstellt, aber nie dokumentiert, was in den Fotoperformances selbst gesprochen wurde. Ich weiß, was Jungs gefällt unterscheidet sich erheblich von ihren vorherigen Arbeiten, da sie hierbei Zitate aus den Interviews mit ihren Darstellerinnen verwendet und als Untertitel in die Bilder einschreibt. In seinem berühmten Essay »Die Rhetorik des Bildes« von 1964 beschreibt Roland Barthes eine häufig vorkommende Beziehung zwischen dem sprachlichen Text einer Bildunterschrift und dem visuellen Gehalt eines Bildes und stellt fest, dass der Text das Bild verankert und so die möglichen Interpretationen des Bildes einschränkt, die sonst unkontrolliert wuchern würden. Dies geschieht in gewissem Maße auch bei Unverzagts Verwendung von Text. Die Fotografien allein könnten auf sehr unterschiedliche Weise gelesen werden, besonders da die Verwendung von stark gesättigten Farben und analoger Fotografie die neuen Bilder, die sie von den Darstellerinnen gemacht hat, mit den aus den Wohnratgebern der 70er Jahre entliehenen Bildern visuell vereinheitlicht (siehe bspw. im Winnie-Triptychon, bei dem das leuchtende Rot und Gelb alle drei Bilder miteinander verbindet.). Die Bildunterschriften jedoch forschen unter der glatten Oberfläche der Werbeanzeigen, um soziale Bedingungen einzubeziehen und unsere Aufmerksamkeit auf menschliche Beziehungen zu lenken, welche die Lebenswelten, in denen sie stattfinden, ebenso beeinflussen, wie sie von diesen beeinflusst werden. Die Bildunterschriften legen verschiedene solcher Beziehungen nahe, unter anderem die zwischen Männern und Frauen (Sofie: Und er fand die Geschichte eigentlich nur lustig, und ich fand sie überhaupt nicht lustig.) wie auch die Interaktionen zwischen Unverzagt und ihren Protagonistinnen (Anke: Also ich kann irgend’n Quatsch erzählen, du wählst dann am Ende sowieso aus?!). Diese Verankerung geht allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Da die Zitate fragmentarisch sind, aus ihrem ursprünglichen Interviewkontext abstrahiert wurden und auch nicht mehr auf die Erfahrungen der Schauspielerinnen bei der Arbeit an einem Film verweisen, sind sie nur noch Vorschläge und legen letztlich keine eindeutige Interpretationsebene nahe. Dies wird auch deutlich, wenn wir über die Beziehung der Bilder zu dem Titel der Arbeit nachdenken, der auf einen recht erfolgreichen New-Wave-Song der frühen 80er Jahre zurückgeht. Unweigerlich lenkt der geliehene Titel unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass alle fotografierten Personen weiblich sind, aber was bedeutet das hier? Wissen sie oder interessiert es sie, was Jungs gefällt? Im Song behauptet die Sängerin zynisch, dass ihr Wissen über Männer es ihr erlaubt diese zu manipulieren. Was sollen wir aus dieser Haltung im Hinblick auf die Frauen auf den Fotografien ableiten, die so viel komplexere und weniger anmaßende Einschätzung ihrer Interaktionen mit anderen haben? (Johanna: Mir war die Geschichte selber so unangenehm, dass ich mich eigentlich fremdgeschämt habe.) In jedem Triptychon zeigt das Mittelteil ein Wohninterieur. Ein Hintergrundbild mit einem Vorhangdesign erscheint entweder rechts oder links, vor dem, auf der jeweils anderen Seite, die Schauspielerinnen abgebildet sind. (Es gibt zwei Ausnahmen: Evy und Johanna werden jeweils auf beiden Bildern gezeigt, die das Mittelteil flankieren; die Vorhänge im Hintergrund sind je nach Fotografie unterschiedlich auffällig.) Diese kompositorische Strategie platziert die Frauen auffällig außerhalb der perfekt gestalteten Wohnwelten, die die anderen Bilder nahelegen, und positioniert sie als potentielle Kommentatorinnen dieser Welten. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass die Frauen über die unvermeidlichen Spannungen zwischen Menschen zu sprechen scheinen, die in den Bildern der besänftigten Wohnwelten zum Verschwinden gebracht worden sind, von denen nur einige wenige tatsächlich die Bewohner*innen der Räume zeigen. Das wiederholte Erscheinen eines leuchtend roten Stuhls, des Metallrahmens, an dem der Fotohintergrund befestigt ist, von Kostümelementen und ausgewählten Requisiten auf verschiedenen Fotografien erinnert ständig daran, dass die Lifestylebilder sich zwar als »unschuldig« präsentieren – ganz im Einklang mit dem Begriff, den Barthes benutzt, um zu beschreiben, wie Fotos als objektive Darstellungen der Realität verstanden werden können – die Bilder Unverzagts jedoch offenkundig konstruiert und inszeniert sind und ihre Künstlichkeit offengelegt wird. Roland Barthes hat sich mit dem Umstand beschäftigt, dass die scheinbare Unschuld der Fotografie, die implizite Botschaft, dass es »so gewesen ist«, dazu führt, dass das Dargestellte als natürlich angesehen wird und so eine große rhetorische Kraft entwickelt. Unverzagt fordert diese Rhetorik der Fotografie heraus, indem sie Lifestylebilder aus den 70er Jahren auswählt; einer Zeit, die noch nahe genug an unserer ist, um uns vertraut zu sein, aber doch so weit entfernt, dass uns die Bilder ein wenig unnatürlich und fremd erscheinen in ihrer Darstellung davon, wie unser Leben aussehen sollte. Die Zusammenstellung dieser Bilder mit denen der Performerinnen, die zwar einerseits visuell die Wohninterieurbilder fortführen, sich aber andererseits von ihnen durch ihre Stellung innerhalb der Tryptichen ebenso abheben, wie durch ihre offensichtliche Inszenierung und die Tatsache dass die Frauen sprechen (im Gegensatz zu den stummen oder abwesenden Personen in den Wohninterieurbildern), macht deutlich, dass, was immer Fotografie ist, sie niemals unschuldig ist.

Literaturhinweis:

Roland Barthes, »Die Rhetorik des Bildes«. Bild Musik, Text. Übersetzt von Stephen Heath. London, Fontana Press, 1997, S. 32 – 51